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Musik hat zwei Gesichter

Ahaus - 24.08.2005 -Prügeleien nach dem Diskobesuch, Schüler, die ihre Mitschüler auf massivste Weise quälen, junge Menschen, die ihre Streitigkeiten mit Waffen austragen... Besteht bei jungen Menschen ein Grundbedürfnis nach Gewalt? Dieser Frage geht die Bürgerstiftung Westmünsterland im September in einer Fachtagung unter der Überschrift "Musik als Einstiegsdroge" nach. Dabei sollen unter anderem die engen Bezüge zwischen der Gewaltbereitschaft und den Einflüssen bestimmter Musikrichtungen aufgezeigt werden. Projektkoordinatorin Marita Rinke sprach darüber mit Prof. Dr. Wilfried Breyvogel, der die Tagung mit konzipiert hat.

Ist die Jugend von heute gewalttätiger, gewaltbereiter bzw. anfälliger oder trügt der Schein?

Breyvogel: Ich bestreite die These, dass Jugend heute gewalttätiger ist als in früheren Zeiten. Ich gebe nur ein Beispiel aus dem studentischen Milieu vor ungefähr 200 Jahren. Auseinandersetzungen, Schlägereien, der Einsatz von Hiebwaffen waren täglich festzustellen. Die landsmannschaftlichen Orden bildeten sich, um sich gegenseitig zu schützen. Diese Orden waren Vorläufer der "schlagenden Verbindungen" des 19. Jahrhunderts, in denen gegenseitig die Ehre verteidigt wurde. Vergleicht man dies mit der heutigen Gewaltbereitschaft der Studierenden, so hat sie eindeutig (als Ergebnis des Zivilisationsprozesses) abgenommen. Ähnliches gilt für andere Milieus, so zum Beispiel für die Cliquen in den Industriestädten oder die jungen Männer in den Dörfern. Fest steht aber auch, dass sich die Gesellschaft zu einer Mediengesellschaft entwickelt hat und dass es einen sehr viel höheren Grad von Individualisierung Jugendlicher gibt und dass es einzelne randständige Jugendliche gibt, die als Einzelne sehr gewaltbereit sind. Mit der Mediengesellschaft hat sich vor allem die Aufmerksamkeit und das Interesse der Medien an der Gewalt geändert, so dass Einzelaktionen, die in früheren Zeiten unbeachtet geblieben wären, ein starkes Interesse erfahren. Nochmals, dass die Jugend insgesamt gewaltbereiter geworden sein, dafür finde ich keine Belege.

Welchen Einfluss haben die Medien auf eine Gewaltbereitschaft bei Jugendliche, insbesondere die Musikmedien?

Breyvogel: Der Trommelschlag und die (Marsch-)Musik haben schon immer Gewaltbereitschaft, zum Beispiel in den Armeen, begleitet, der Rhythmus der Musik hat als Grundrhythmus den "Herzschlag" und seine Beschleunigung. Der industrielle Technosound beispielsweise bildet der Rhythmus als Monotonie die Wiederholung ab - Wiederholung ist die Grundlage jeder Entspannung - interessant wird es bei der chromatischen Steigerung Tonlage und der schrittweisen Beschleunigung des Rhythmus. Musikerleben kann Erregung aufbauen, aber auch abbauen und befriedigen. Sie hat zwei Gesichter. Gewaltkonflikte, die auf Musikveranstaltungen folgen haben in der Regel andere Auslöser als die Musik an sich, zum Beispiel Eifersucht oder Kränkung die sich aus dem Geschehen parallel ergeben, aber nicht notwendig bedingt sind.

Sehen Sie Handlungsmöglichkeiten?

Breyvogel: Jugendliche und Erwachsene sind über die Möglichkeiten des Musikausdrucks und die seiner Beziehung zur symbolischen Kreativität aufzuklären.

Die Fachtagung der Bürgerstiftung Westmünsterland am 20. September im Rock'n'Popmuseum in Gronau leistet einen Beitrag dazu. Sie richtet sich mit ihren Workshops an Menschen mit erzieherischer Verantwortung. In einer abschließenden Podiumsdiskussion geht es außerdem um die Frage "Verbieten oder zulassen". Nährere Informationen zur Tagung gibt es im Internet unter www.buergerstiftung-westmuensterland.de. Dort kann man sich bis zum 8. September auch anmelden.

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